Die CLS-Studie
Die CLS-Studie - „Care Leaver Statistics: Soziale Teilhabe im Lebensverlauf junger Erwachsener – Eine Langzeitstudie“ - ist die bisher größte trägerübergreifende Befragung junger Menschen in Pflegefamilien und Einrichtungen der stationären Hilfen zur Erziehung in Deutschland. Sie begleitet junge Menschen, die in Pflegefamilien oder Wohngruppen gelebt haben – sogenannte Careleaver*innen – über sieben Jahre hinweg (bis voraussichtlich 2030). Ziel ist es, eine umfassende Datenbasis über den Übergang ins Erwachsenenleben von Careleaver*innen zu schaffen, um die Kinder- und Jugendhilfe dahingehend gezielt weiterzuentwickeln. Die erste Befragungswelle wurde inzwischen durchgeführt und ausgewertet, und hat schon einige erste Erkenntnisse und Tendenzen gebracht.
Die Ergebnisse der ersten Befragung sind in mehrere Überthemen gegliedert, welche sich auch in der Befragung wiedergespiegelt haben:
- Vorteile und Stärken durch das Aufwachsen in der Jugendhilfe
- Teilhabedimensionen
- Wohnwünsche und die Förderung der Selbstständigkeit
- Mitbestimmung, Rechte und Beschwerdemöglichkeiten
- Bildung, Qualifikation und Bildungsaspirationen
- Sichtweisen auf Berufe und Berufswünsche
- Finanzen, Jobben und Umgang mit Finanzen
- Gesundheit als Teilhabedimension
- Soziale Netzwerke und Einsamkeitserleben
- Freizeitgestaltung
- Resilienz und Sense of Coherence als Grundlage für Handlungsbefähigung
Die Studie wird von einem Projektverbund durchgeführt, bestehend aus der Universität Hildesheim (Institut für Sozial- und Organisationspädagogik), dem Deutschen Jugendinstitut (DJI), der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung e.V. (GISS) und der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH). Gefördert wird sie vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ). Die ganze Studie mit der genauen Aufschlüsselung der Ergebnisse kannst du dir am besten selbst durchlesen - es gibt sie als kostenloses E-Paper zum Download. Den Link dazu findest du ganz unten. Wenn du aber lieber eine kleine Zusammenfassung haben möchtest, dann bist du hier richtig. Also, was steht drin?
Stärken im Fokus: Was nehmen Careleaver*innen Positives mit?
Bisherige Forschung konzentrierte sich oft auf Benachteiligungen, um Ungleichheiten aufzuzeigen. Diese Sichtweise ist wichtig, um Verbesserungen im Hilfesystem zu erreichen, jedoch birgt sie auch die Gefahr der Stigmatisierung und damit einer Reproduktion von Ungleichheit, sowie einer Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls durch eine ungleiche, negativ behaftete Fremdwahrnehmung. Um dieser vielfachen Beleuchtung der negativen Aspekte etwas entgegenzusetzen haben die Studiendesigner*innen den Fokus auf die positiven Auswirkungen gesetzt. Welche Stärken und Vorteile nehmen die jungen Menschen also aus ihrer Zeit in der Kinder- und Jugendhilfe mit?
Immerhin 76,1% (n(Teilnehmende)=754) haben Angaben zu Stärken und Vorteilen gemacht. Besonders häufig wurden hierbei mit insgesamt 87,9% Individualkompetenzen genannt, worunter bspw. Selbstreflexion, Selbstvertrauen, Zuverlässigkeit, Resilienz, Entschlossenheit, politisches Interesse und Durchsetzungsvermögen fallen. Aber auch ihre Sozialkompetenzen werden von Careleaver*innen als besser entwickelt eingeschätzt. 64,8% haben hier Stärken genannt, worunter unter anderem Kommunikation, Empathie, Teamfähigkeit, Hilfsbereitschaft und Konfliktfähigkeit fallen. Diese Erkenntnisse können ein ausgewogeneres Verständnis der Lebensrealitäten von jungen Menschen in diesem System fördern. Verbund Care Leaver Statistics(Hg.), Teilhabe und Zukunftswünsche (2025), Beltz Juventa, 69469 Weinheim, ISBN: 9783779992561
Wie wollen Careleaver*innen wohnen?
Die Wohnwünsche der Befragten lassen sich in drei Kategorien einteilen:
- Keine Veränderung: 23,1% (Auffällig: Bei jungen Menschen aus Pflegefamilien ist der Wunsch, in der Wohnform zu bleiben, mit 34,4% deutlich höher als bei denen aus Einrichtungen mit 20%.)
- Nicht eigenständige Form: 46,5% wünschen sich betreutes Wohnen oder den Umzug zu Familie/Verwandten.
- Eigenständige Form: 82,2% wollen in "die eigenen vier Wände" ziehen (eigene Wohnung/nicht-betreute WG).
Hierbei ist der Großteil auch recht zuversichtlich, dass ihre Wohnwünsche in die Realität umgesetzt werden können und fühlt sich gut auf die zukünftige mehr oder weniger eigenständige Haushaltsführung vorbereitet. Wobei sich deutliche Unterschiede in den Befragungsergebnissen von jungen Menschen aus Einrichtungen und Pflegefamilien ergeben haben. Die Studienauswertenden vermuten, dass die Vorbereitung auf die eigenständige Haushaltsführung in Einrichtungen stärker betont wird als in Pflegefamilien, was die Unterschiede in den Wohnwünschen erklären könnte. Inwiefern sich nun diese Ergebnisse von den Wohnwünschen und dem Gefühl des Vorbereitet seins von dem Gesamtdurchschnitt der Jugendlichen unterscheidet wird nicht dargestellt. Verbund Care Leaver Statistics(Hg.), Teilhabe und Zukunftswünsche (2025), Beltz Juventa, 69469 Weinheim, ISBN: 9783779992561
Wie stellen sich Careleaver*innen ihre berufliche Zukunft vor?
Es lässt sich eine klare Tendenz zu sozialen und helfenden Berufen erkennen, welche eine außergewöhnliche Art der Verantwortungsübernahme für Mitmenschen im Vergleich zu anderen Berufsfeldern beinhalten. Die Befragten hatten die Möglichkeit ihre Berufswünsche in Erst- und Zweitwahl anzugeben. Hierbei landete der Beruf der Erzieher*in im Ranking für konkrete Berufswünsche sowohl bei der Erstwahl (11%) als auch der Zweitwahl (7,2%) auf dem ersten Platz. Vergleicht man dies mit den Ergebnissen der PISA Querschnittsstudie von 2018, so zeigen sich deutliche Unterschiede. Bei der PISA Befragung gaben von den weiblichen Befragten nur 6,4% Erzieherin als Berufswunsch an, womit dieser auf Platz drei im Ranking der beliebtesten Berufe landete. Bei den männlichen Befragten wurde der Beruf als Erzieher gar nicht erst in das Ranking der beliebtesten Berufe aufgenommen.
Diese Neigung von Careleaver*innen zu sozialen Berufen kann verschieden interpretiert werden. Zum einen kann sie auf positive und konstruktive Erfahrungen in dem eigenen Aufwachsen in der Kinder- und Jugendhilfe hindeuten. Weniger positiv interpretiert deutet sie auf eigene negative Erfahrungen hin und dem daraus resultierenden Wunsch es für Personen in ähnlichen Situationen besser zu machen und zu einer allgemeinen Verbesserung des Systems beizutragen.
Da die meisten der Befragten Careleaver*innen noch in der Berufsorientierung sind, werden die folgenden Befragungen zeigen, inwiefern die Wunschberufe erreicht werden oder ob Anpassungen zu beobachten sind. Verbund Care Leaver Statistics(Hg.), Teilhabe und Zukunftswünsche (2025), Beltz Juventa, 69469 Weinheim, ISBN: 9783779992561
Partizipation – ein zentrales Thema in der Kinder- und Jugendhilfe
Uns als VERBUND ist diese Thema ein großes Anliegen und wir geben tagtäglich unser Bestes, um die Kinder und Jugendlichen wo es geht miteinzubeziehen. Im Bereich „Fachdienste“ wirst du bald auch einiges über Partizipation im Verbund und das Konzept darum herum lesen können.
Zuerst aber ein Blick in die Studie: Vorweg sollte angemerkt werden, dies sind alles Daten aufgrund von subjektivem Empfinden der Careleaver*innen. Damit Menschen einschätzen können, ob sie angemessen mitbestimmen können, müssen sie zunächst wissen, welches Maß an Mitbestimmung überhaupt möglich wäre. Dieses potentielle nicht-Wissen oder nicht-Einschätzen-können kann die Antworten entsprechend sowohl positiv als auch negativ beeinflussen.
Die Befragung zeigt, dass insgesamt 98% der Careleaver*innen an ihrem letzten Hilfeplangespräch teilgenommen haben - die zentrale Voraussetzung damit das Recht auf Mitbestimmung bei den dort getroffenen Entscheidungen umgesetzt werden kann. Im SGB VIII ist deshalb auch ausdrücklich festgehalten, dass die Hilfeplanung für den jungen Menschen verständlich und nachvollziehbar gestaltet sein muss, damit diese sich vollumfänglich beteiligen können. Die weiteren Fragen haben darauf abgezielt, inwiefern sich die jungen Menschen bei ihrem letzten Hilfeplangespräch miteinbezogen gefühlt haben. Das Ergebnis: noch ausbaufähig:
- Nur 46,5% stimmten uneingeschränkt zu, bei allen wichtigen Entscheidungen beteiligt gewesen zu sein (was eine wichtige Entscheidung ist, haben die jungen Menschen für sich selbst definiert)
- 55,8% gaben an, ihre Sorgen und Ängste einbringen zu können
- Mit 76% scheint die Einbringung von ihnen wichtigen Themen den Befragten am leichtesten zu fallen
Die Auswertenden ziehen ein klares Fazit "Angesichts dessen, dass es sich in dieser Befragung um jugendhilfeerfahrene junge Menschen handelt und die allermeisten bereits an mehreren Hilfeplangesprächen teilgenommen haben dürften, ist der niedrige Anteil derjenigen, die uneingeschränkt zustimmen, ein deutlicher Hinweis darauf, dass Hilfeplanverfahren in Bezug auf die Beteiligung junger Menschen weiterhin verbessert werden müssen." S.154, Verbund Care Leaver Statistics(Hg.), Teilhabe und Zukunftswünsche (2025), Beltz Juventa, 69469 Weinheim, ISBN: 9783779992561
Du möchtest mehr erfahren?
Die CLS-Studie liefert viele weitere wertvolle Daten u.a. zu Bildung, Gesundheit, Finanzen und sozialen Netzwerken. Die Ergebnisse der ersten Welle sind als kostenloses E-Paper verfügbar.
- Zum Download des E-Papers "Teilhabe und Zukunftswünsche" bei Beltz Juventa (klein, unten rechts): https://www.beltz.de/fachmedien/sozialpaedagogik_soziale_arbeit/produkte/details/56943-teilhabe-und-zukunftswuensche.html
- Weitere Informationen: www.cls-studie.de