Was ist Einsamkeit?
Der Päritätische in Fulda hat Ende Februar eine Podiums-Diskussion "Gemeinsam statt einsam" bei Welcome In Fulda zum Thema Einsamkeit in unserer Gesellschaft veranstaltet. Dabei gab es zunächst ein Vorwort und Impuls durch Autor Daniel Haas ("Spiegel"-Kolumne "Me, Myself & I", Sachbuch "Einsamsein. Eine Befreiungsgeschichte"). Anschließend ging es in den Austausch - verschiedenen Mitglieds-Organisationen des Paritätischen, unter anderem der VERBUND, wurden eingeladen gemeinsam über dieses oft so stille und unbeachtete Thema zu reden. Wie äußert sich Einsamkeit? Welche Ursachen hat sie? Was können wir tun, um Menschen zu unterstützen? Den gesamten Abend gibt es mitgeschnitten auf YouTube nachzusehen, scrolle dafür zum Ende des Kommentars von Julija Tešić zum Thema Einsamkeit, unserer Deligierten bei der Podiumsdiskussion.
Einsamkeit ist mehr als ein Gefühl. Sie ist ein Zustand von Mangel – an Zugehörigkeit, an stabilen Beziehungen, an gesellschaftlicher Teilhabe und an Selbstwirksamkeit. Aktuelle Erhebungen zeigen, dass rund zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen eine erhöhte Einsamkeit erleben. Besonders problematisch ist, dass Einsamkeit häufig chronisch wird, wenn junge Menschen über längere Zeit Ausgrenzung, Instabilität und fehlende Beziehungen erfahren. Chronische Einsamkeit ist kein vorübergehendes Tief, sondern ein dauerhaftes Belastungsmuster.
Typische Risikofaktoren
Einsamkeit entsteht nicht zufällig, sondern durch strukturelle Bedingungen: Armut, familiäre Belastungen und psychische Erkrankungen, Ausgrenzung und Stigmatisierung, fehlende Ressourcen – personell, zeitlich und finanziell –, mangelnde Mobilität sowie instabile Hilfesysteme und verkürzte Bewilligungen. Wichtig ist die Wechselwirkung: Einsamkeit verstärkt psychische Belastungen – und psychische Belastungen verstärken wiederum Einsamkeit. Nicht selten entsteht daraus eine Spirale bis hin zu Suchterkrankungen, die weiter isoliert.
Erleben bestimmte Gruppen Einsamkeit stärker?
Ja — besonders junge Menschen aus der ambulanten und stationären Jugendhilfe. Viele mussten früh funktionieren, statt Kind sein zu dürfen. Sie erleben Beziehungsabbrüche, Unsicherheit und Ausgrenzung. Wir begleiten Familien ohne Notfallkontakt, Jugendliche ohne Geburtstagseinladungen und junge Menschen mit Angst vor dem 18. Geburtstag, weil ihre Perspektive vom Wohlwollen einer Behörde abhängt.
Das ist keine Randerscheinung – das ist Realität in unseren Kommunen.
Kind (12 Jahre): „Ich hatte noch nie eine Geburtstagseinladung!“
Unterschied zwischen Ursache – Folge – Hilfe
Ursachen:
Fehlende Ressourcen und Zeit für Beziehungsarbeit, finanzielle Unsicherheit, mangelnde Mobilität, Stigmatisierung durch politische und mediale Narrative sowie instabile Beziehungen durch häufige Wechsel und verkürzte Hilfen.
Folgen:
- Individuell steigen Risiken für Depression, Angststörungen, Sucht und Suizidalität.
- Im Bildungsbereich zeigen sich Konzentrationsprobleme, geringerer Selbstwert und schlechtere Lernerfolge.
- Gesellschaftlich entstehen Rückzug, Frustration und wachsende Demokratiegefährdung.
Junger Erwachsener: „Ohne meinen Partner bin ich nichts.“
Was hilft:
Stabile Beziehungen, echte und durchmischte Teilhabe, Mobilität als Zugangsvoraussetzung, verbindliche Beteiligung und langfristige Unterstützung statt ständiger Brüche.
Kosten – wie groß ist Einsamkeit?
Einsamkeit verursacht erhebliche Folgekosten.
- Gesundheitlich durch psychische Erkrankungen und Suchterkrankungen.
- Im Bildungssystem durch schlechtere Konzentration, geringeren Selbstwert und geringere Abschlüsse.
- Wirtschaftlich durch eingeschränkte Ausbildungs- und Erwerbsbiografien.
- Gesellschaftlich durch Vertrauensverlust, Rückzug und Radikalisierung.
Und letztlich zahlen wir mit unserer Demokratie.
Wie ist es – und wie sollte es sein?
Aktuelle Realität:
- Qualitäts- und Partizipationskonzepte werden gekürzt.
- Hilfen für junge Volljährige werden zunehmend infrage gestellt.
- Bewilligungszeiträume werden reduziert.
- Junge Menschen werden von Einrichtung zu Einrichtung verlegt statt stabil begleitet.
- Mobilität wird nicht verlässlich refinanziert.
Das schwächt Beziehungen – und verstärkt chronische Einsamkeit.
Jugendliche: „Ich hätte gerne eine Freundin.“
Zukunftsbild:
Junge Menschen brauchen mehr Sichtbarkeit, echte Beteiligung und verlässliche Perspektiven. Sie müssen als gesellschaftliche Gruppe ernst genommen werden. Kinder- und Jugendrechte sollten strukturell gestärkt und konsequent umgesetzt werden.
Was soll sich ändern? – Meine Forderungen an die Politik (vollständig erläutert)
Wenn wir Einsamkeit junger Menschen ernst nehmen, dann brauchen wir strukturelle Veränderungen – nicht nur gute Worte.
- Verlässliche Strukturen statt kurzfristiger Projektlogik
Jugendhilfe braucht stabile Finanzierung, ausreichend Personal und Zeit für Beziehungsarbeit. Nur so können Vertrauen, Beziehung und Stabilität entstehen. Qualitäts- und Partizipationskonzepte dürfen nicht als Sparposten betrachtet werden – sie sind zentrale Prävention gegen Einsamkeit.
- Stabilität für junge Volljährige
Hilfen ab 18 dürfen nicht zum Sparinstrument werden. Gerade Übergänge ins Erwachsenenleben sind hochsensibel und entscheiden über Bildungswege, Stabilität und Teilhabe. Verkürzte Bewilligungen erzeugen Angst, Unsicherheit und neue Einsamkeit. Perspektiven dürfen nicht vom Wohlwollen einzelner Entscheidungen abhängen.
- Mobilität als Voraussetzung für Teilhabe
Soziale Teilhabe scheitert oft an ganz praktischen Dingen. Ohne Fahrkarten, Erreichbarkeit und Finanzierung bleiben Sport, Ausbildung, Freundschaften und Engagement unerreichbar. Mobilität ist kein Extra – sie ist konkrete Einsamkeitsprävention.
- Echte und durchmischte Beteiligung
Junge Menschen müssen strukturell beteiligt werden – bei kommunalen Entscheidungen, Stadtentwicklung, Bildungsfragen und Freizeitangeboten. Nicht symbolisch, sondern mit echter Wirkung. Beteiligung schafft Selbstwirksamkeit. Und Selbstwirksamkeit schützt nachhaltig vor Einsamkeit.
- Stabile Beziehungen sichern
Junge Menschen dürfen nicht aus Ressourcengründen von Einrichtung zu Einrichtung verlegt werden. Jeder Beziehungsabbruch verstärkt das Risiko chronischer Einsamkeit. Stabilität ist keine Luxusleistung – sie ist Prävention.
- Gesellschaftliche Haltung verändern
Politik und Medien prägen Bilder von jungen Menschen. Stigmatisierung, Vereinfachungen und problematische Narrative verstärken Ausgrenzung. Wir brauchen mehr Empathie. Mehr Brücken statt Mauern. Und die Bereitschaft, Ängste ernst zu nehmen, ohne junge Menschen abzuwerten.
- Rechte stärken
Kinder- und Jugendrechte müssen strukturell abgesichert werden. Perspektivisch auch durch eine klare Verankerung im Grundgesetz und vor allem durch konsequente Umsetzung auf kommunaler Ebene. Junge Menschen sind keine Randgruppe, sondern Träger eigener Rechte auf Schutz, Beteiligung und Förderung.
Weitere Bespiele aus der Arbeit:
- Alle Altersgruppen, alle Schichten profitieren von Sozialer Arbeit
- Nicht alle können / wollen ihr Umfeld mit Problemen belasten
- Sonst würden mehr Therapeut*innen gebraucht werden
- Soziale Arbeit hilft bei Entlastung
- Mediennutzung hat Menschen mit der Zeit krank gemacht, weil weniger miteinander gesprochen wird
- Der Weg zurück ins Sozialleben wird in der Arbeit geebnet
- Junge Menschen werden sozial ausgegrenzt durch Faktoren wie Armut, psychische Erkrankungen in der Familie – sie haben keine Möglichkeit sich ein soziales Umfeld aufzubauen, müssen viel von Zuhause verheimlichen, ihr Risikoverhalten steigt (Drogenkonsum, Kriminalität etc.)
- Sehr häufiger Personalwechsel in der Kinder- und Jugendhilfe ist immer wieder Beziehungsabbruch und kann Einsamkeit verstärken
- Nach der Jugendhilfe stehen sie allein da und haben niemanden mehr
- Klient*innen, die in stationärer Kinder- und Jugendhilfe aufgewachsen sind, haben häufig keine alten Bezüge mehr
- Trauen sich vielleicht nirgendwo einen neuen Beziehungsstart einzugehen
- Schulabsentismus – ein Ursprung liegt in der Coronazeit, diese hat soziale Ängste aufgebaut
- Erlass von Schulamt, wo genau geregelt ist, wie damit umzugehen ist – mit Jungen Menschen wird dabei aber nicht ausreichend gesprochen, als ob es sie nicht gäbe. Soziale Arbeit wird hier als Sprachrohr benötigt – nicht über sie, sondern mit ihnen sprechen
- Junge Menschen beschäftigen sich mit anderen Themen als die, die in ihrer Herkunftsfamilie aufwachsen. Dadurch fühlen sie sich mit Themen allein, weil sie niemanden haben, mit dem sie bspw. über Drogenabhängigkeit der Eltern sprechen können
- Kinder- und Jugendhilfe ist nicht das Zuhause von jemanden, dies wird schnell sichtbar, z.B. Besucher*innenanmeldung
- Haushaltsführung häufig desolat
- Kinder werden nicht zu Geburtstagen eingeladen, können aber selbst nicht einladen
- Die jungen Menschen werden schnell in Schubladen gepackt
- Hürde zu sozialen Angeboten hinzugehen, ist sehr groß, wenn man niemanden hat
- Klient*innen sind nicht faul, sondern im Gegenteil, müssen viel mehr leisten als manche anderen Menschen
- Lange und nachhaltige Beziehungen entstehen nur mit viel Arbeit, das kann teilweise nicht geleistet werden
- Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene: Stigmatisierung und Ausgrenzung
- Diskriminierung: Rassismus, Ableismus, Klassismus etc.
- Systeme sind nicht immer ausreichend, um sie aufzufangen, z.B. Schule
- Rucksack packen und mitnehmen
- „schwierige“ Kinder – wenn Kinder nicht in Regeln passen, trauen sich Eltern teilweise nicht mehr in der Gesellschaft aktiv zu sein
- Eingeschränkte Mobilität kann einsam machen – Angebote sind sehr eingeschränkt nutzbar
- Gelder werden gestrichen, z.B. für Mündelkontakte – dadurch wird Ablehnung erfahren „Mein Vormund kann sich jetzt wieder nicht kümmern“
- Wer würde den Kindern Aufmerksamkeit geben, wenn wir nicht da sind?
- Junge Menschen müssen die Aufmerksamkeit immer mit anderen Pädagog*innen teilen
- Das Jugendamt nimmt immer häufiger hin, wenn Eltern sich zurückziehen, haben nicht die Kapazitäten, die Eltern/Herkunftsfamilie zu stützen
- Kinder- und Jugendhilfe kann nie die Aufmerksamkeit ersetzen, die Eltern/die Herkunftsfamilie geben würde
- Mangel an Wohngruppenplätzen – lange Verweildauer in Inobhutnahmen
- Frust durch Perspektivlosigkeit
- Kinder werden von Einrichtung zu Einrichtung gereicht, dann häufig fehlende Beschulung
- Unsicherheiten, wie lange Hilfen gehen, was würde danach passieren
- Sanktionsdruck
Mutter: „Ich hätte gerne eine andere junge Mutter, mit der ich mich austauschen kann und die mich versteht.“
Vater: „Von meiner sozialpädagogischen Familienhilfe werde ich nicht gleich verurteilt.“
Mutter: „Darf ich Sie (SPFH) als Notfallkontakt in der Klinik angeben? Ich habe sonst niemanden“
Junge Erwachsene: „Ich würde gerne auf andere zugehen können, schaffe es aber nicht.“
Mutter: „Ich möchte gerne mit meiner Tochter zur Krabbelgruppe, aber ich traue mich nicht alleine dort hinzugehen.“